Europaradweg R1 von Berlin nach Münster – 720 km quer durch Deutschland

4.000 Kilometer lang ist der Radwanderweg R1. Er verbindet London und Sankt Petersburg und führt dabei durch zehn Länder. Der Aus- und Aufbau des Radweges begann bereits 1984. Der R1 ist also ein alter Hase unter den Fernradwegen. Was mich persönlich begeistert: sowohl Münster als auch Berlin liegen auf der Strecke, zwei meiner Lebensmittelpunkte. Seit ich davon erfuhr, ließ mich der Wunsch nie los, diesen Weg einmal zu fahren.

Diesen Sommer habe ich mir diesen Wunsch erfüllt. Über 720 km bin ich von Berlin nach Münster geradelt. Übernachtet habe ich in Pensionen auf der Strecke. Die Etappen habe ich spontan geplant und meinst erst am Nachmittag telefonisch die Unterkunft für die Nacht organisiert.

Die spontane Planung hat am Ende zu einem echten Sportpaket geführt. Eigentlich hatte ich anderthalb Wochen veranschlagt. Auf den geraden Strecken durch Brandenburg und NRW wollte ich um die 100 km am Tag fahren, wie viel ich durch Harz, Weserbergland und Teutoburger Wald schaffen würde, konnte ich nicht einschätzen. Nach 4 Tagen hatte ich aber bereits 400 km geschafft. In Münster wollte ich Freunde besuchen und damit meine mit deren Planung zusammenpasste, musste ich plötzlich die gesamte Strecke in 7 Tagen radeln. Am Ende bin ich also durchschnittlich ca. 105 km am Tag gefahren. Das ist sicherlich nicht jedermanns Sache und die folgenden Streckenabschnitte sind daher nicht als Empfehlung zu sehen, sondern dokumentieren lediglich meine Reise.

Tag 1: Berlin – Trebitz (81,5 km)

In Berlin bin ich von meiner Haustür gestartet und war bereits nach 500 m auf dem R1. Mein Ziel war, dem R1 streng zu folgen. Abkürzungen wollte ich nicht nehmen. Und so fuhr ich die ersten Kilometer zum Brandenburger Tor bereits fremdgesteuert. Ein wunderbares Gefühl, das für mich den Vorteil von offiziellen Radwegen ausmacht: Man muss keine Entscheidungen bezüglich der Strecke treffen.

R1-Schild in Kreuzberg

Bis zum Brandenburger Tor hatte ich bereits einige touristische Ziele passiert: Alexanderplatz mit Fernsehturm, Berliner Dom und das sich im Bau befindende Stadtschloss.

Brandenburger Tor in Berlin

Danach passierte ich Reichstag und Siegessäule. Das Wetter war nicht optimal, alsbald setzte leichter Regen ein. Im Gepäck hatte ich jedoch Regenjacke, -hose und Gamaschen. Von außen wurde ich nicht nass, jedoch war es in der Regenkleidung zu warm, weil ich darunter zu viel anhatte. Beim nächsten Regen konnte ich diesen Fehler vermeiden.

Siegessäule. Nicht weit davon steht das Schloss Bellevue.

Der Weg führte durch Potsdam vorbei an Brandenburger Tor Nummer 2. Vom Zentrum in westlicher Richtung führte der Weg dann an vielen Seen vorbei.

Brandenburger Tor in Potsdam

Tagesziel war das Wohnprojekt Vielseitenhof Trebitz. Die Bewohner betreiben ein Café und zwei Gästezimmer. Hinter dem Haus liegt ein Wald, der sich für einen entspannten Spaziergang anbietet, um sich die Radfahrerbeine zu vertreten.

Unterkunft: Wohnprojekt Vielseitenhof Trebitz

Tag 2: Trebitz – Dessau (108,5 km)

An Tag zwei wollte ich die 100 km Marke knacken, da es hier noch schön flach war. Der Weg führte durch Lutherstadt Wittenberg. Die Stadt stand Kopf, alles war auf das Lutherjahr 2017 ausgerichtet. Ein bisschen Luther habe ich mir in Form der Thesentür auch angesehen.

Die Thesentür in Lutherstadt Wittenberg

Der R1 streift außerdem Ferropolis, ein Museum und Veranstaltungsort auf einer Halbinsel im ehemaligen Tagebau Golpa-Nord.

Das Tag endete in Dessau. Hier bietet sich das Bauhaus für einen Besuch an. Das kannte ich jedoch bereits.

Unterkunft: Pension Bürgerhaus

Tag 3: Dessau – Ermsleben (116,5 km)

Die dritte Tagesetappe führte mich durch den kleinen Ort Reppichau. Der ganze Ort ist geschmückt mit Skulpturen wie auf dem folgenden Bild. Dahinter verbirgt sich das Kunstprojekt Sachsenspiegel.

Zunächst hatte ich mir Seeland, OT Schadeleben als Ziel ausgesucht, aber alle drei Pensionen im Ort waren ausgebucht. So fuhr ich bis nach Ermsleben am Rand des Harzes.

Unterkunft: Pension Karina

Tag 4: Ermsleben – Goslar (91,9 km)

Der vierte Tag hatte die meisten Höhenmeter. Von morgens bis abends ging es rauf und runter, mal mehr mal weniger.

Mein Glück war, dass ich am Vormittag einen anderen Radler traf, der ebenfalls auf dem R1 unterwegs war. Wir fuhren den ganzen Tag zusammen. Da wir uns die ganze Zeit unterhielten, merkten wir kaum, was wir leisteten.

Skulptur in Ballenstedt

Besonders gut hat mir Wernigerode mit den vielen Fachwerkhäusern gefallen, auch wenn eine Baustelle das Vergnügen schmälerte.

Breite Straße in Wernigerode

Wohltäterbrunnen am Marktplatz in Wernigerode

Dass es den R1 schon länger gibt, sieht man an diesem Schild.

Unterkunft: Hostel Goslar

Tag 5: Goslar – Höxter (121 km)

Am Vorabend hatte ich entschieden, den Rest der Strecke (330 km) in 3 Tagen zu schaffen. Tag 5 war mein Test, ob ich das schaffen kann.

Stiftskirche Bad Gandersheim

Weser und Höxter

Der letzte Teil der Etappe verlief auf dem schönen Weserradweg. Als ich abends Höxter erreichte, war ich mega happy. Den Test hatte ich bestanden und gleichzeitig meinen persönlichen Tagesetappenrekord aufgestellt.

Unterkunft: Haus Rosen

Tag 6: Höxter – Rietberg (108,7 km)

Die erste Hälfte der Etappe führte nach Detmold durch den Teutoburger Wald. Das war noch einmal anstrengend. Aber in Detmold wusste ich auch: ab jetzt ist es nur noch flach. Den schweren Teil hatte ich hinter mir.

Friedrichstaler Kanal in der Innenstadt von Detmold

Rietberg ist ein beschaulicher Ort mit ein paar sehr schönen Fachwerkhäusern. Mehrere Pensionen waren ausgebucht und ich musste ein Hotel nehmen. Dafür hatte ich hier das schönste Zimmer auf meiner Tour.

Historisches Rathaus Rietberg

Unterkunft: Hotel Vogt

Tag 7: Rietberg – Münster (94,1 km)

Ein Großteil der Etappe verlief auf dem Emsradweg und meist direkt an der Ems entlang. Auch wenn es das erste Mal seit Tag 1 geregnet hat, fand ich diesen Teil besonders schön.

Ems und Emsradweg

Einer der glücklichsten Momente auf der Reise war der, als Münster das erste Mal auf einem Schild Erwähnung fand. Jetzt konnte mir kein Regen oder Sturm mehr nehmen, mein Ziel zu erreichen.

Als wenn das jemand gehört hätte, kam dann noch mal richtig was von oben. Egal, geschafft, Wahnsinn!!

„Entweder regnet es in Münster, oder es läuten die Glocken. Geschieht beides gleichzeitig, ist Sonntag.“ (Volksmund)

Fazit

Die Tour hat mega Spaß gemacht. Das viele alleine Radeln hat mir sehr gut gefallen. Es hatte was Meditatives, so wenig von äußerlichen Reizen abgelenkt zu sein und die eigenen Bedürfnisse und Empfindungen deutlicher spüren zu können, als im stressigen Alltag. Die Entspannung habe ich aufrecht erhalten können, auch wenn ich schon mehrere Wochen wieder in Berlin bin. Außerdem bin ich froh, etwas so Abgefahrenes und Anspruchsvolles geschafft zu haben.

Von Land und Leuten habe ich viel gesehen. Es war schon interessant, die Unterschiede zwischen den Landesteilen zu sehen. Menschen, Städte und natürlich auch die Radwege. Die waren ganz unterschiedlich von der geteerten Straße über Waldwege bis hin zu Schotterpisten. Wenn es mal über eine Landstraße ohne Radweg ging, war diese nie stark befahren. Insgesamt hat mir die Wegführung sehr gut gefallen. Die Beschilderung war extrem gut.

Ich hatte mir als Vorbereitung das Buch Reiseführer Europaradweg R1 Teil 4 Münster – Berlin gekauft. Mit dem Kauf erwirb man auch GPX-Tracks zum Download. Diese habe ich in Komoot geladen und während der Tour als interaktive Karte verwendet. Es kommt vor, dass Beschilderung und Karte von einander abweichen, wenn die Route in den letzten 1-2 Jahren angepasst wurde. Das ist manchmal in Orten der Fall. Ich bin dann stets nach den Schildern gefahren.

In Münster bin ich noch ein paar Tage geblieben, habe Freunde und Familie besucht und bin mit dem Zug zurück nach Berlin gefahren. Mal schauen, was als nächstes kommt. R1 in Richtung Osten vielleicht. To be continued…

2 Kommentare zu „Europaradweg R1 von Berlin nach Münster – 720 km quer durch Deutschland

  1. Klaus Mensing

    Hallo Björn,
    ich habe gerade deinen Artikel über die Tour von Berlin nach Münster gelesen. Ich plane von Münster nach Berlin zu radeln. Jetzt habe ich von mehreren Seiten gehört, das speziell in Sachsen-Anhalt der R1 teilweise sehr schlecht zu befahren sein soll. Und in Niedersachsen soll es häufig über vielbefahrene Hauptstraßen gehen. Kannst du das bestätigen?

    Gruß Klaus

    Antworten
    1. Björn Weinbrenner Artikelautor

      Hallo Klaus!
      Die schlechte Qualität in Sachsen-Anhalt muss ich leider bestätigen. In Niedersachsen waren die Wege auch nicht immer gut, aber an vielbefahrene Hauptstraßen kann ich mich gerade nicht erinnern.
      Viele Grüße
      Björn

      Antworten

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